Black Life Dreaming

Langsam rückten die Zeiger der Bahnhofsuhr vorwärts. Jetzt war es nur noch eine Stunde. Eine Stunde, bis dieser Tag endlich vorbei war. Der Countdown lief. Riku schloss für einen Moment die Augen, doch als er sie wieder öffnete, hatte sich nichts geändert. Er saß auf einer Bank an Gleis Fünf, an dem außer ihm nur noch drei andere Menschen waren und auf ankommende Züge warteten. Die einzelne Laterne, die den Bahnsteig beleuchtete, flackerte in unregelmäßigen Abständen, sodass man fast glaubte, sie würde jeden Moment ganz ausgehen und die Wartenden in der Dunkelheit des kleinen Bahnhofs am Rande von New York City zurück lassen.
Es war 11.02pm.
Fröstelnd zog Riku seine dünne Jacke fester um sich und schloss die Augen wieder, in der Hoffnung, die Zeit würde so schneller verstreichen.
„Es wird kalt abends, hmm?“, sagte eine Stimme neben ihm, und erschrocken fuhr er zusammen und drehte sich um.
„Ian, was - “
Der blonde Junge schüttelte abwehrend den Kopf. „Ich dachte mir schon, dass du wieder hier bist. Mensch, warum bis du nicht einfach zu mir gekommen?“
„Ich dachte, du bist bei deiner Großmutter.“
„War ich auch. Und jetzt komm mit.“ Ian packte ihn am Arm und zog ihn mit sich, über eine Treppe weg von dem Gleis. Die Uhr zeigte 11.05pm.
Die Straßen, durch die sie gingen, waren größtenteils verlassen, allein in einigen Ecken konnte man Gestalten ausmachen, die zusammengekauert auf dem Boden saßen. Nur wenige Laternen spendeten noch Licht, und es dauerte eine Weile, bis Ian seinen Arm schließlich wieder losließ und seine Schritte verlangsamte.
„Du kannst auch zu mir kommen, wenn ich nicht da bin. Das weißt du“, setzte Ian ihr Gespräch fort. Riku sah ihn nicht an, als er antwortete.
„Ja, ich weiß. Aber ich bin schon so oft genug da. Außerdem macht es keinen Unterschied, ob ich bei dir oder auf einem Bahnhof sitze.“
„Natürlich macht es den.“ Sein Freund klang verärgert. „Und meinen Eltern macht es nichts aus, wenn -“
Der Junge verstummte und blieb stehen. Sie waren gerade um eine Ecke in die Larkstreet eingebogen, eine schmale, von großen, zum Teil leerstehenden Gebäuden gesäumte Straße, und Riku erkannte schnell den Grund für Ians Reaktion.

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