Little Red Riding Hood
Es war einmal, vor langer, langer Zeit, in einem fernen Land… So beginnen Märchen, Sagen, Geschichten. Geschichten, die man als Kind erzählt bekommen hat. Dies ist so eine Geschichte. Nur beginnt sie auf eine etwas andere Art. "So eine Scheiße aber auch!", zischte eine tiefe, aber schneidende Stimme. Sie gehörte einem hochgewachsenen Mann mit dunklen, zerzausten Haaren und dem wachen Blick eines Adlers. Er drückte sich mit dem Rücken an die Wand einer dunklen Gasse und spähte vorsichtig um die Ecke. Von seiner linken Hand tropfte etwas Blut auf den Boden. Schnelle Schritte näherten sich, sofort zog sich der Mann wieder vollständig in den Schatten der Wand zurück. Zwei Gestalten hasteten vorbei, ihre Schritte verhallten in der schmalen Straße. Eine Minute verstrich. Zwei. Schließlich trat der Mann hinaus auf den Gehweg, der von einer einsamen Straßenlaterne erleuchtet wurde. In ihrem Licht konnte man seine hellblauen Augen zornig funkeln sehen. Warum hatten ihm diese Idioten gerade jetzt in die Quere kommen müssen? Er hätte die Tür aufgehabt, nur zwei, drei Sekunden länger… Aber dann mussten natürlich zwei von der Nachtstreife kommen. Wie klischeehaft. Immerhin schien der alte Ich-verstecke-mich-in-einer-Seitengasse-und-warte-bis-sie-vorbeigelaufen-sind-Trick immer noch bestens zu funktio – "Entschuldigung, dürfte ich Sie etwas fragen?" Noahs Herz setzte einen Augenblick lang aus. Betont gelassen drehte er sich um, doch seine Erwartung, sich einer Nachtpolizistin mit Uniform gegenüber zu sehen, wurde schwer enttäuscht. Stattdessen stand da ein kleines, vielleicht siebenjähriges Kind mit dunkelbraunen, geflochtenen Haaren und einer knallroten Jacke, deren Kapuze es sich ins Gesicht gezogen hatte. Noahs Herzschlag beruhigte sich wieder.
„Ich… Ich will zu meiner Oma, aber ich habe mich etwas verlaufen… Können Sie mir helfen?“, fragte das Mädchen, jetzt, nachdem es sein Gesicht gesehen hatte, schon etwas ängstlicher. Die Vorstellung, dass ein Kind einen Schwerverbrecher nach dem Weg fragte, lockte ihm ein amüsiertes Lächeln auf das Gesicht.
„Natürlich. Wo wohnt deine Oma denn?“
„Bakerstreet 26.“
Etwas verlaufen ist gut. Du bist hier wirklich in der komplett falschen Gegend gelandet. Aber ich bringe dich zu deiner Oma, versprochen.“

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